European Cultural News: Die Kinder von Wien

In der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Wien ist derzeit eine ganz besondere Theaterproduktion zu sehen. Im Rahmen der Wiener Festwochen erarbeitete Anna Maria Krassnigg nach der Romanvorlage von Robert Neumann das Stück „Die Kinder von Wien oder howeverstillalive“. In der beklemmenden Szenerie, die mehr einer Müllhalde denn einer Behausung gleicht, näherte sich Lydia Hofmann mit ihrem Bühnenbild gekonnt jener Kellerbehausung in Wien, in die es sechs Kinder am Ende des Zweiten Weltkrieges verschlagen hat. Sie kommen nicht nur aus unterschiedlichen sozialen Schichten, einer von ihnen, der „13x13x13“ Jahre alte „Jid“ – herausragend interpretiert von Daniel Frantisek Kamen, ist sogar dem KZ entkommen. Nicht nur einem, wie man im Laufe des Abends erfährt. Das Jüngste von ihnen liegt als Gliederpuppe noch im Kinderwagen, die Ältesten, Eva, Ate und Goy sind so um die 15 Jahre alt. Genau determiniert hat Robert Neumann das Alter nicht, vielleicht auch im Bewusstsein, dass Kinder, die um ihr Überleben zu kämpfen haben, in ihrem gefühlten Alter nicht mit den herkömmlichen entwicklungspsychologischen Maßstäben zu messen sind. Und auch Krassnigg folgt diesem Schema, indem sie keine der Rollen mit einem Kind besetzt, was sich im Laufe der Vorstellung als logische und folgerichtige Textinterpretation zeigt.

In diesem Keller, der – so der ganze Stolz der zusammengewürfelten Schar – immerhin mit einem „Ziehwasserabort“ ausgestattet ist, finden sie aber bei Weitem nicht den Schutz, der ihnen zustehen würde. Ohne Eltern oder eine Hilfe anderer Erwachsener müssen sie sich gegen einen verrückt-perversen Eindringling (Martin Schwanda überzeugt nicht nur in dieser, sondern auch in der zweiten Rolle als skrupelloser Immobilienhändler) wehren, der auf der Suche nach seiner Frau ist. So brutal der Mann auch gegen die Kinder vorgeht, Schwanda gelingt es dennoch, den tiefen Verlustschmerz, der ihn so umklammert hat, aufzuzeigen und seinen Charakter zu einem bedauernswerten zu färben. In Notwehr wird er von Goy, dem etwas zurückgebliebenen Jungen, der zwar schnell explodiert, aber auf der anderen Seite auch leicht führbar ist, erstochen. Jens Ole Schmieder hat keinerlei Probleme mit dieser schwierigen Rolle, in der sich Gewalt ebenso vereint wie die Sehnsucht, in der Gesellschaft einen Platz zu finden, der einen sozialen Aufstieg ermöglicht. Gemeinsam mit seinem Freund, dem altklugen „Jid“, der ganz in seiner jüdisch-rhetorischen Tradition alles und jedes infrage stellt, der dirnenhaften Eva, die später einmal wieder Jungfrau werden möchte und der nationaltreuen Ate, die ihre Eltern verraten hat, nicht wissend, was mit ihnen geschehen würde, versteckt er den vermeintlichen Leichnam notdürftig. Ein weiteres Kind, wegen seiner Locken von allen „Curls“ genannt, kommt nur in verteilten Rollen zu Wort und wird als Person nicht greifbar. In das grausige Geschehen, dem voran noch ein aberwitziger Dialog zweier vom Krieg gezeichneter Männer vorangeschickt wurde, bricht eine dunkelhäutige Lichtgestalt. Reverend Smith, ein Schwarzer, der bei der US-Army als Pfarrer dient, entdeckt die Kinder und ist wild entschlossen, sie aus ihrem Elend zu befreien. Er scheitert letztendlich an seinem Vorgesetzten „Trueslove“, der ihn zur Räson bringen will und ihm klar zu machen versucht, dass seine Befreiungsaktion mit gefälschten Ausreisepapieren ein kriminelles Delikt darstellt. Werner Brix, ebenfalls in einer Doppelrolle – nicht nur als gesetzestreuer aber herzloser geistlicher Vorgesetzter, sondern auch als „Regenmantel“, der mit Vehemenz versucht, das allgemeine Chaos nach Ende des Krieges auszunutzen, um sich Grund und Boden anzueignen, agiert in beiden Fällen erdig, stiernackig und engstirnig und verkörpert so glaubhaft jene Typen, die einerseits wissen, wie sie gesetzliche Schlupflöcher nützen können und andererseits mit dem Wissen des Gesetzes auf ihrer Seite der Unmenschlichkeit Tür und Tor öffnen. Eva, die genauso wie Ate ein Missbrauchsopfer ist, schlägt die Avancen ihres Kompagnons, des kleinen Jids aus, um am Ende des Stückes doch nur ihn beschützend an ihrer Seite vorzufinden. Kirstin Schwab als unerfahrenes, aber schon gebrochenes Mädchen steht – von Krassnigg gut besetzt – mit ihrer beschränkten Denkausstattung antipodisch zu Ate, der es gelingt, sich in ihrer ätherisch-zarten Art auch im allergrößten Dreck als junge Dame zu fühlen. Ihre Teetrinkzeremonie, mit abgespreiztem kleinem Finger, bei der sie einen Tee aus roten Rübenschalen als Delikatesse empfindet und die Beschreibung ihres Dreirades, das Griffe aus Email hatte, machen deutlich, dass sie einem wesentlich besser bestallten Elternhaus entstammt als ihre Leidensgenossin, die Wasser für schädlich hält und sich andauernd an ihrem Bauch kratzen muss. Die Textcollage, die Krassnigg mit viel Fingerspitzengefühl aus Neumanns Text kreierte, zeichnet die einzelnen Charaktere treffsicher nach und gibt vor allem jedem von ihnen eine eigene Sprache. Erstmals wird damit Neumanns Sprachbabylon tatsächlich hörbar. So wird gejidelt, im breitesten Wienerisch palavert, so kommt ein Berliner Idiom, österreichisches Theaterdeutsch und ein amerikanischer Slang zum Einsatz, was deutlich macht, wie viele unterschiedliche Sprach- und somit auch kulturell verschiedene Prägungen hier auf kleinstem Raum aufeinandertreffen. Neumanns Stück offenbart sich gerade darin als eine Metapher des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Herkünfte und Anschauungen und zeigt überdeutlich, wie verschieden Menschen in einer Situation reagieren, was sie selbst daraus machen oder aber auch wie sie von anderen beurteilt werden. Happy End gibt es keines – Ate bleibt ihrer Musterschülerinnen Rolle treu und verrät Goy, der Reverend quittiert zornig seinen Dienst und muss feststellen, dass es ihm, auch in der Rolle eines Pfarrers, nicht möglich war, zu helfen und Eva und der Jid bleiben all ihrer Illusionen beraubt im Keller zurück. Christian Mair begleitet mit seinem einfühlsamen Sound bis zum letzten Bild die kunstvolle Sprache Neumanns auf absoluter Augenhöhe.

Es ist nicht nur die aktuelle Brisanz des Stückes, die gerade in der heutigen Zeit in Europa aufhorchen lassen müsste, die unter die Haut geht. Abertausende von Jugendlichen in den ehemaligen kommunistischen Ländern Europas, aber auch solche in Griechenland, Spanien oder in Italien leben auf der Straße. Österreich ist hier auch nicht ausgenommen. Es ist auch die Ohnmacht, der sich Reverend Smith ausgesetzt sieht und die ihn am Helfen hindert, welche heute als zeitgeistiges Gefühl viele Menschen erfasst hat und sie abhält, an politischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Es sind auch die Parallelen im Stück zu jenen Mechanismen, die – wie erst in jüngster Vergangenheit in der ehemaligen DDR geschehen – vakante Machtposten jenen zufallen lassen, die darin vom Großteil der Bürgerinnen und Bürger gar nicht erwünscht sind. Wie Jens Ole Schmieder im KünstlerInnengespräch nach der Vorführung am 17. Mai anschaulich erklärte, war schon nach kurzer Zeit der Aufbruchstimmung die Hoffnung auf eine Änderung der Machtaufteilung zerschlagen und „alles wieder beim Alten“. Anna Maria Krassnigg ist es mit dieser Produktion auch gelungen, einen weiteren Baustein in jene Diskussion einzubringen, in der nun erstmals auf breiterer Basis den psychischen Schäden dieser Kriegskindergeneration Beachtung geschenkt wird. Die Menschen, die den 2. Weltkrieg als Kinder erlebten und sich heute – so noch am Leben – samt und sonders in Rente oder Pension befinden, kämpfen vor allem an ihrem Lebensende mit ihren Traumata und beginnen oft erst kurz vor ihrem Tod, sich mit diesem, ihrem psychischen Leid auseinanderzusetzen. Erst unlängst hat der Kabarettist Georg Schramm in seinem aktuellen Programm in Wien das Publikum davor gewarnt auf Urlaub zu fahren „wenn Opa über den Krieg zu reden beginnt“ denn dann sei sein Ende nicht mehr weit. Er zeigte mit dieser scharfzüngigen, auf den Punkt gebrachten Aussage sehr deutlich auf, welch langes Schweigen in den letzten sechs Jahrzehnten das Erlebte dieser Generation zugedeckt hat und jeder, der sich mit Psychologie auch nur ein wenig näher beschäftigt weiß, dass dies auch massive Auswirkungen für die darauffolgenden Generationen hatte und hat. Die vermeintliche Härte der Kinder, die von der Regisseurin aufgenommen in eine ebensolche adäquate Bildsprache umgesetzt wurde, hat viele Narben zurückgelassen. „Die vergessene Generation“ wird sie mittlerweile auch genannt. Sabine Bode kämpft in ihrem gleichnamigen Buch gegen das Vergessen und Zudecken dieses emotionalen Kahlschlages mit einigen berührenden Geschichten vehement an und verweist, gestützt auf breit angelegte Untersuchungen, auch auf die Auswirkungen auf die nachfolgende Generation.

Anna Maria Krassnigg fällt nicht nur der Verdienst zu, auf einen höchst unbequemen aber umso wichtigeren österreichischen Literaten erneut aufmerksam gemacht zu haben, der einem Großteil der Kulturinteressierten gar nicht bekannt ist. Schon im Winter stellte sie mit einer Lesung im Salon 5 ein Buch von Robert Neumann vor. Vor allem ihr Gespür für dieses brisante Thema und der Mut, es auf die Bühne zu bringen zeichnen sie dabei aus. Sie hat ein Thema gewählt, das auf den ersten Blick weit von uns weg zu sein scheint, beim näheren Hinschauen, Hinhören und Hinterfragen jedoch eine Aktualität erhält, die eigentlich entsetzlich ist.

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