APA: Wiener Festwochen: „Die Kinder von Wien“ im Überlebenskampf

Achtbare Wiederentdeckung des Nachkriegsromans von Robert Neumann durch Anna Maria Krassnigg – Expedithalle der Ankerbrotfabrik als Trümmerlandschaft

[…] Im geschickt ausgeleuchteten weitläufigen Areal der Fabrikshalle wirken die pittoresk aufgebauten Bauschutt-Inseln zunächst wie eine Kunstinstallation, die mit Trümmer- und Trash-Chic arbeitet. Zu diesem Eindruck tragen auch die hinter der Zuschauertribüne montierten Lautsprecher bei. Die nötige Atmosphäre aus Verzweiflung und Leid, Angst und Überlebenswillen, „Mördergrube und Hurenhaus“, beginnt sich erst einzustellen, als die wie verloren durch das Setting irrenden Darsteller zueinander und in ihre Rollen gefunden und sich warm gespielt haben. Erst dann entsteht das Bild einer kleinen Schicksalsgemeinschaft aus Kindern, die wesentlich älter wirken als sie sind, weil sie mehr erlebt haben als andere in ihrem ganzen Leben. Dann entfaltet auch die verwegene Sprach-Mischung ihre Wirkung, in der sich Deutsch und Jiddisch, Englisch und Russisch zu jenem eigenwilligen, aber durchaus poetischen Kauderwelsch verbinden, das den lange vergessenen Roman kennzeichnet.

Herausragend sind Kirstin Schwab als Gelegenheitsprostituierte Ewa, die am liebsten „a Jungfrau werden“ möchte, und Petra Gstrein als ehemaliges BdM-Mädel Ate, die auf keinen Fall mehr Adeltraut genannt werden möchte, die Staatsideologie von einst noch nicht ganz abgelegt, aber ihren ureigenen Überlebenswillen schon gefunden hat. Wie die beiden das gemeinsame Trinken von getrocknetem Rübenschalentee als „Kaffeekränzchen“ unter feinen Damen gestalten, gibt jene Spielästhetik vor, die der Abend benötigt: ums Leben spielen, des Lebens und des Spielens wegen. Die Kindheit lässt sich so leicht nicht abtöten.

Daniel Frantisek Kamen als Jid und Jens Ole Schmieder als Goy spielen verschiedene männliche Facetten dieses Kampfes um eine Zukunft, die Martin Schwanda und Werner Brix als unterschiedliche Spielarten der Erwachsenenwelt bedrohen. Bleibt David Wurawa als schwarzer Reverend der US-Army, der als rettender Engel im Keller auftaucht, und mit seinem Idealismus auch brutal an Grenzen stößt. Ein Verbündeter, der vieles, aber nicht alles möglich machen kann. Ein Hoffnungsstrahl in einer düsteren Welt. Eine starke Leistung. […]

APA, 16. Mai 2013

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