ORF.at: Krassnigg: „Wie weit ausbeuten lassen?“

„Die Kinder von Wien“ waren am Freitag zum letzten Mal bei den Festwochen zu sehen. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat mit wien.ORF.at über die Fortsetzung, über ein Gastspiel in Russland und über Ausbeutung im Theaterbetrieb gesprochen.

Anna Maria Krassnigg, bekannt als Salon5-Chefin und Professorin am Max Reinhardt Seminar, adaptierte den Nachkriegsroman „Die Kinder von Wien“ des jüdischen Wiener Emigranten Robert Neumann für das Theater. Das Stück brachte sie für die Wiener Festwochen in der früheren Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten zur Aufführung. Im Interview zieht sie eine erste Bilanz und spricht von fehlenden Förderungen, von unprofessioneller Kritik und von Theaterstars abseits von Nicholas Ofczarek – mehr dazu in „Kinder von Wien in der Ankerbrotfabrik“ (ORF.at/festwochen).

Anna Maria Krassnigg in der Expedithalle in der ehemaligen Ankerbrotfabrik
Foto: Barbara Palffy

Anna Maria Krassnigg in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik

wien.ORF.at: Ihre Mitarbeiter trugen keine Festwochen-, sondern Salon5-T-Shirts. Ist das als Protest zu verstehen, weil „Die Kinder von Wien“ von den Wiener Festwochen vielleicht finanziell zu wenig unterstützt wurden?

Krassnigg: Die Festwochen waren an unserer Produktion sehr interessiert und haben uns eingeladen, eine Kooperation zu machen. Sie haben das Ticketing und die Pressearbeit übernommen, für eine Beteiligung der Produktionskosten oder für den Publikumsdienst war kein Geld da. „Die Kinder von Wien“ treten zwar mit anderen Produktionen, die das zehnfache oder mehr Budget haben, bei den Festwochen an, sind aber eine freie Kunstproduktion vom Salon5 und finanzieren sich aus Geldern der Stadt, des Bundes, durch den Zukunftsfonds und durch in- und ausländische Partner. Loft City, der Betreiber der Expedithalle, hat uns sehr geholfen.

wien.ORF.at: Warum gab es kein Geld von den Wiener Festwochen?

Krassnigg: Das liegt an ihrer Einladungspolitik. Die Idee der Festwochen ist es, die Welt nach Wien zu holen. Und das ist auch gut so. Aber ich denke doch, dass die Festwochen auch eine Plattform für Künstler sein sollen, die hier arbeiten und mit Stoffen und Werken arbeiten, die auch in die Welt hinaus strahlen können. Österreich ist auf internationalen Theaterfestivals und Gastspielhäusern kaum mit Produktionen vertreten. Da könnte man sich natürlich fragen, woran das liegt. Die Festwochen könnten in den nächsten Jahren eine andere Bewusstseinsrichtung einschlagen.

wien.ORF.at: Sie konnten das Stück mit vielen Helfern – sogar aus ihrer Familie – dennoch umsetzen. Wo liegen die Grenzen?

Krassnigg: Eigentlich habe ich große Freude an dieser Arbeit, denn wir haben es geschafft, das zu erzählen, was wir erzählt haben wollten. Das kostete aber immens viel Kraft. Die Frage ist immer, wie weit muss man sich für eine Produktion ausbeuten? So ein Projekt frei zu stemmen ist selbst in unserer Größenordnung ein gewaltiger Akt, den man nicht jedes Jahr machen kann.

wien.ORF.at: Mit zehn Terminen waren „Die Kinder von Wien“ eine der größten Produktionen der Festwochen und hatten eine sehr hohe Auslastung. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Krassnigg: Nein, man hofft es natürlich immer, aber wirklich gerechnet damit haben wir nicht. Ich habe diesen Stoff ja aus einer naiven Leidenschaft heraus bearbeitet. Ich wollte einfach diese Geschichte erzählen. Zum einen dachte ich mir, dass diese urwienerische Geschichte zieht, zum anderen wusste ich, dass der Stoff gefährlich ist, denn das Buch wurde seinerzeit sehr angegriffen.

Auch an den jetzigen Pressereaktionen haben wir zum Teil gemerkt, dass der Stoff nicht verstanden wird. In Österreich tut man sich schwer, auf augenzwinkernde und undogmatische Art und Weise mit dem Thema der Nachkriegszeit und Vertreibung umzugehen. Die große Publikumsnachfrage hat uns also einigermaßen gewundert und positiv überrascht. Die Produktion muss sich in der Stadt schnell herumgesprochen haben.

Barbara Krassnigg
Foto: Barbara Palffy

Anna Maria Krassnigg: „Ich bin ein leidenschaftliches Ensembletier“

wien.ORF.at: Das Stück fand internationale Beachtung. Gibt es schon konkrete Einladungen in andere Städte?

Krassnigg: Das Tschechow-Theaterfestival in Moskau hat Interesse gezeigt. Wir sind momentan in dem Stadium, zu klären, ob sich das Stück dort realisieren lässt. Wir suchen beispielsweise noch nach einer geeigneten Halle, um auch dort dem Publikum ein Erlebnis wie in Wien zu bieten. Wir sind der Meinung, dass das Stück eine große Halle bzw. den Atem eines solchen Raumes braucht.

wien.ORF.at: Wird es auch eine Österreich-Tournee geben?

Krassnigg: Mit Unterstützung des Bundes und des Zukunftsfonds werden wir auch versuchen, ein paar Aufführungen in Österreich zu machen. Das Problem ist auch hier die Halle. Wir sind auf der Suche nach unkonventionellen Orten und Veranstaltern, und das ist in Österreich gar nicht so einfach. Fest steht, dass wir im Posthof Linz im Oktober ein Gastspiel haben.

wien.ORF.at: Sie haben einmal gesagt, dass Sie bereits bei der Bearbeitung eines Stoffes an spezielle Schauspieler denken. Sie würden den Text den jeweiligen Personen auf den Mund schreiben. Wie finden Sie ihre Besetzung?

Krassnigg: Ich habe Leute, mit welchen ich seit 20 Jahren immer wieder zusammenarbeite. Das sind Schauspieler, die alle auch an festen Häusern gearbeitet haben, aber derzeit frei zwischen Film und Theater entscheiden wollen. Wenn es gut geht, dann kommt einmal pro Jahr eine Produktion mit einem Teil dieses virtuellen Ensembles zustande. Es handelt sich um sehr, sehr gute Schauspieler, die mitunter gerne in Schubladen gesteckt werden. Und aus diesen will ich sie herausholen.

wien.ORF.at: Auch Werner Brix, der ja hauptsächlich als Kabarettist bekannt ist, gehört bei „Die Kinder von Wien“ zu ihrem Ensemble.

Krassnigg: Ich bin ein leidenschaftliches Ensembletier und bin stets auf der Suche nach guten Schauspielern. Den Werner Brix habe ich über einen bekannten Musiker kennengelernt. Ich habe schnell erkannt, dass er weit mehr als Kabarett macht und ein hochbegabter Schauspieler ist. Er ist ein Original und ich habe versucht, jemanden, der seit Jahren mit eigenen Sachen unterwegs ist, in ein Ensemble einzubinden. Das hat Spaß gemacht und wir werden sicher auch in Zukunft zusammenarbeiten.

Werner Brix
Foto: Barbara Palffy

David Wurawa und Werner Brix in „Die Kinder von Wien“

wien.ORF.at: Sie meinten einmal, dass es in Österreich auch andere gute Schauspieler außer Nicholas Ofczarek gibt. Was wollten Sie damit sagen?

Krassnigg: Der Nicholas Ofczarek ist ein ganz besonderes Talent und ich schätze ihn sehr. Er wird aber meiner Meinung sein, wenn ich behaupte, dass es weit mehr Talente in Österreich gibt. Ich suche solche Talente aus einer gewissen Neugierde heraus, weil ich es ablehne, dass man vor allem in Wien und Österreich Leute in eine Schublade steckt und auszuzelt wie eine Zitrone. Im Filmbusiness ist das noch schlimmer als im Theater. Da wird oft rein typmäßig besetzt. Meine Schauspieler hingegen haben naturgemäß Lust, die unterschiedlichsten Rollen zu spielen.

wien.ORF.at: Ab 12. Juni findet ein zweiter Teil von „Die Kinder von Wien“ im Salon5 statt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Krassnigg: Menschen, die erlebt haben, wovon Neumann schreibt, werden wir nicht mehr lange unter uns haben. Wir laden daher beim zweiten Teil einige Zeitzeugen ein, die viel unsentimentaler auf dieses Thema zugehen und Irrtümer ausräumen. Wir haben Gäste aus dem Bereich der Literaturwissenschaft, Künstler die mit dem Werk Neumanns viel anfangen können und einen Kinderpsychologen, der den Volkssturm miterlebt hat. Wir werden die Themen Hölle und Zukunft in Dialoge setzen und in einer speziellen Form an das Stück erinnern. Dann wollen wir darüber diskutieren und auch andere Texte von Neumann beleuchten.

wien.ORF.at: Wird die Produktion noch einmal in Wien zu sehen sein?

Krassnigg: Nein, eine Wiederaufnahme würde zu teuer kommen. Uns beschäftigt jedoch das Thema Nachhaltigkeit von Theaterproduktionen seit zehn Jahren. Ein autonomes Filmteam hat daher „Die Kinder von Wien“ als Mischung zwischen Stück, Installation und Film festgehalten. Vielleicht kann das Stück in einer anderen Kunstform und anderen Ästhetik nachhaltig genützt werden. Das ist künftig bei allen Produktionen dieser Größenordnung ein Thema.

wien.ORF.at: Welche Stoffe werden Sie in Zukunft behandeln?

Krassnigg: Es gibt einen schönen Wurmfortsatz. Wir bringen im Salon5 im Herbst die Hochstaplernovelle von Neumann. Ansonsten sind die Segel gesetzt Richtung Nestroyhof Hamakom. Wir haben 2014 bis 2018 eine Partnerschaft mit diesem urjüdischen Raum. Da wird es in den nächsten vier Jahren Uraufführungen geben. Und es geht auch sehr um die Verknüpfung zwischen Film, filmischen Ausdruck und Theater.

Das Interview führte Florian Kobler, wien.ORF.at

http://wien.orf.at/news/stories/2586560/

Dieser Beitrag wurde unter Medienberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *