{"id":436,"date":"2013-05-13T21:21:57","date_gmt":"2013-05-13T20:21:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kindervonwien.at\/?p=436"},"modified":"2013-05-13T21:21:57","modified_gmt":"2013-05-13T20:21:57","slug":"der-standard-wiener-hungertage-kalorien-das-is-von-was-man-stirbt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kindervonwien.at\/?p=436","title":{"rendered":"Der Standard: Wiener Hungertage: &#8222;Kalorien, das is von was man stirbt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ronald Pohl, DER STANDARD, 14.5.2013<\/p>\n<p><strong>Mit der Theatralisierung des Nachkriegsromans &#8222;Die Kinder von Wien&#8220; im Rahmen der Festwochen gedenkt man auch des Autors Robert Neumann<\/strong><\/p>\n<p>Anna Maria Krassnigg bahnt sich einen Weg durchs Sprachdickicht.<\/p>\n<p>Wien &#8211; Der Kriegsl\u00e4rm ist verstummt. Eine Handvoll Kinder hat sich 1945 in einem Kellerloch verkrochen. Die Antihelden dieser Situation am Nullpunkt tragen die seltsamsten Namen: &#8222;Jid&#8220;, &#8222;Goi&#8220; und &#8222;Curls&#8220;. Ein M\u00e4dchen in dieser Kellergemeinschaft hei\u00dft &#8222;Ate&#8220;, eine Abk\u00fcrzung von Adeltraud. Wenn sich Adeltraud ihrer gro\u00dfdeutschen Vergangenheit entsinnt, wird ihr, um mit Jandl zu sprechen, ganz &#8222;pfingstig ums heil&#8220; (sic!): &#8222;Ich mag gro\u00dfe Sachen. Wo man in den Augen nass wird, und ,Heil&#8216; , und man kann nicht schlucken, so gro\u00df ist alles. Oder der F\u00fchrer. Gro\u00df!&#8220;<\/p>\n<p>Sie alle sind Gesch\u00f6pfe des aus Wien geb\u00fcrtigen Autors und Publizisten Robert Neumann (1897-1975). Der Roman Die Kinder von Wien geh\u00f6rt zu den beinahe vergessenen Klassikern der \u00f6sterreichischen Nachkriegsliteratur. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt im Rahmen der Wiener Festwochen eine Theaterfassung in zwei Teilen. Der Auftaktabend ist in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik ab morgen, 20 Uhr, zu sehen.<\/p>\n<p>Neumann, sagt Krassnigg, &#8222;sa\u00df leidenschaftlich gerne zwischen den St\u00fchlen.&#8220; Seinen gr\u00f6\u00dften Erfolg landete der dichtende Abenteurer bereits in jungen Jahren. Doch zum Star wurde der Vielschreiber ausgerechnet mit einer Sammlung von Parodien. Mit fremden Federn erntete 1927 h\u00f6chstes Lob von Thomas Mann.<\/p>\n<p><strong>Zwischen den Welten <\/strong><\/p>\n<p>1934 verlie\u00df Neumann Wien. Er machte sich in seiner Wahlheimat Gro\u00dfbritannien um die Literatur der Emigranten verdient. 1940 wurde er als &#8222;Enemy Alien&#8220; interniert, doch ab 1942 erschienen insgesamt sechs Romane in englischer Sprache. Neumann bildete den Fall eines Graphomanen, dem die entscheidenden Dinge bemerkenswert leicht fielen. Als Die Kinder von Wien 1948 endlich auch auf Deutsch erschien, war die \u00f6sterreichische Rezeption des sprachlich ungemein originellen Werkes niederschmetternd.<\/p>\n<p>Die heimischen Literaturverweser glaubten die Heimat verunglimpft. Die Kellerlandschaft von Wien schien in eine Traumsph\u00e4re entr\u00fcckt, zugleich ersparte Neumann den Lesern keine einzige Unannehmlichkeit.<\/p>\n<p>M\u00e4dchen, fast noch Kinder, gehen auf den Strich. Einer der Burschen leidet an Durchfall, im Kinderwagen liegt ein zugrunde gehender S\u00e4ugling mit Bl\u00e4hbauch. Die Lekt\u00fcre der in einen Slang aus Deutsch, Jiddisch, American Slang und &#8222;Popolski&#8220; verwandelten Sprache erzeugt Schwindelgef\u00fchle. Was noch schwerer wiegt: Grammatik und Syntax der S\u00e4tze sind \u00e4hnlich schwer besch\u00e4digt wie die H\u00e4user und die Gem\u00fcter. Die AZ hatte damals nichts Besseres zu tun, als den Autor in ihrer Rezension einer Unwahrheit zu \u00fcberf\u00fchren: In Wien seien, entgegen der Schilderung, gen\u00fcgend Klosetts vorhanden!<\/p>\n<p>Neumann, sagt Krassnigg, &#8222;war beleidigend gescheit &#8211; auch und gerade sich selbst gegen\u00fcber.&#8220; Die Leiterin des Wiener Salon-5-Theaters hat sich eines Stoffes angenommen, der nach seiner Dramatisierung nicht gerade laut aufschreit. &#8222;Wir finden ein Sprachbabylon vor. Die Kinder \u00e4u\u00dfern sich zu 70 Prozent in Dialogen, der Rest spiegelt ihre Gedanken wider. Im Theater w\u00fcrde man diese Passagen den ,Subtext&#8216; nennen.&#8220;<\/p>\n<p>Krassnigg stellt nun beide Redeformen gegeneinander. Der Dialog ger\u00e4t mit dem Subtext in Widerspruch: &#8222;Das, was die Kinder behaupten, erlebt zu haben, widerspricht dem, was sie sagen.&#8220; Welche der beiden Ebenen die &#8220; richtige&#8220; sei, k\u00f6nne man nicht von vornherein entscheiden. Die Erinnerung und das Jetzt klaffen meilenweit auseinander. Neumann, dessen guter Ruf als Literaturfunktion\u00e4r in den Wirren des Kalten Krieges v\u00f6llig unverschuldet fl\u00f6ten ging, geh\u00f6rt vielleicht doch in die Reihe gro\u00dfer Antipatrioten wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek. Von ferne erinnern die akustischen Masken der Figuren auch an Elias Canetti.<\/p>\n<p>Ein Reverend nimmt sich der Ruinengesch\u00f6pfe an. Er schafft Essen herbei. Obwohl Jid, in Kenntnis alter KZ-Rationen, Bescheid wei\u00df: &#8222;Kalorien, das is von was man stirbt.&#8220; <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1363710839430\/Wiener-Hungertage-Kalorien-das-is-von-was-man-stirbt\" target=\"_blank\">http:\/\/derstandard.at\/1363710839430\/Wiener-Hungertage-Kalorien-das-is-von-was-man-stirbt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ronald Pohl, DER STANDARD, 14.5.2013 Mit der Theatralisierung des Nachkriegsromans &#8222;Die Kinder von Wien&#8220; im Rahmen der Festwochen gedenkt man auch des Autors Robert Neumann Anna Maria Krassnigg bahnt sich einen Weg durchs Sprachdickicht. Wien &#8211; Der Kriegsl\u00e4rm ist verstummt. &hellip; <a href=\"https:\/\/kindervonwien.at\/?p=436\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false}}},"categories":[7],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"aioseo_notices":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p3g70S-72","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/436"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=436"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/436\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":441,"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/436\/revisions\/441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=436"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kindervonwien.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}