{"id":451,"date":"2013-05-16T09:28:30","date_gmt":"2013-05-16T08:28:30","guid":{"rendered":"http:\/\/kindervonwien.at\/?p=451"},"modified":"2013-05-16T09:28:42","modified_gmt":"2013-05-16T08:28:42","slug":"mottingers-meinung-at-grausame-groteske-im-nachkriegskeller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kindervonwien.at\/?p=451","title":{"rendered":"Mottingers-Meinung.at: &#8222;Grausame Groteske im Nachkriegskeller&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>\u201cEin albtraumhaftes M\u00e4rchen\u201d nannte Robert Neumann, aus Wien nach England und sp\u00e4ter in die USA emigrierter j\u00fcdischer Romancier und satirischer Sprachakrobat, seinen Roman \u201cDie Kinder von Wien oder Howeverstillalive\u201d  im Jahr 1946. Anna Maria Krassnigg, Erfinderin des wunderbaren Theaters Salon 5 und Professorin am Reinhardt-Seminar, hat f\u00fcr die Wiener Festwochen in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik einen solchen inszeniert. Eine grausame Groteske in einem Nachkriegskeller. (\u201eTrotzdemimmernochlebendig\u201c war \u00fcbrigens eine Bezeichnung, die Neumann auch f\u00fcr sich selbst benutzte.) Inhalt des nun dramatisierten Stoffes: In einer Kellerruine im Nachkriegs-Wien hausen der gerissene Schleichh\u00e4ndler Jid, ein KZ-\u00dcberlebender, der blonde Goy aus dem Kinderverschickungslager, \u201cCurls\u201d, Besitzer der Bruchbude, Ewa, minderj\u00e4hrige Prostituierte, weil sie in der Lagerkommandantur keinen anderen \u201cBeruf\u201d gelernt hat, Ate, die Ex-BDM-F\u00fchrerin und ein \u201cKindl\u201d mit Wasserbauch im Babywagen. Eine Teenager-WG, eine Vor- oder (wie f\u00fcr Jid und Ewa) eine Nachh\u00f6lle, in die ein schwarzer US-Army-Reverend ger\u00e4t \u2013 und Rettung verspricht. Das Ende  \u2026 ist bis 31. Mai zu erleben. Nur so viel: Faschismus und Krieg zerst\u00f6ren den Menschen. Er ist nicht mehr zu retten. Er rei\u00dft andere sogar mit ins Inferno. Das ist Neumanns beklemmende Parabel. Kaputt ist kaputt, verdorben ist verdorben. Eine verlorene Generation \u2026<\/p>\n<p>Krassnigg, die in die Buffett-H\u00e4lfte des Riesenraums die Salon 5-Atmosph\u00e4re mit Teppichen, Tappas, Diwanen und gutem Rotwein, mitgebracht hat, hat in der Spiel-H\u00e4lfte eine Kinderschutthalde (B\u00fchne: Lydia Hofmann, Kost\u00fcme: Antoaneta Stereva) aufgebaut. Mit Riesenteddyb\u00e4r und Miniatur-Teeservice, mit grindigen Matratzen und Gittern, hinter denen die Darsteller mitunter stehen. Sie haben mehreren Rollen (\u201cCurls\u201d wird, erkennbar an der Schirmm\u00fctze, von allen gespielt) zu bew\u00e4ltigen, sind n\u00e4mlich Erz\u00e4hler-Ich und Ich-Erz\u00e4hler, Reden in der Vergangenheit von der Zukunft und in Zukunftszenen von \u2026 Misstrauen herrscht \u00fcber allem. Die Leut\u2019 sind so brutal wie ihre Zeit. Neumann erfand daf\u00fcr ein Sprachbabylon \u2013 Jiddisch, Englisch, Gaunerrotwelsch, Wienerisch, auch sch\u00f6nbrunnerisches (vom interessierten Kellerk\u00e4ufer Martin Schwanda, der hier einen Nachtklub installieren will) , \u201cTeutsch\u201d \u2013 wird durcheinander geredet. Als Solo, in Duetten, in einem Chor des Grauens. Vieles an diesem Abend macht das Tragische nicht unkomisch. Ein von Krassnigg eingelassenes Wechselbad der Gef\u00fchle, die manchmal wie beim Konzepttheater surrealistisch-distanziert keine N\u00e4he zul\u00e4sst, sich dann wieder so nah-emotional an die Schicksal heranzoomt, dass es einem das Wasser in die Augen treibt. Sind doch nur Kinder. Allerdings abgebr\u00fchte. Und das gr\u00f6\u00dfte unter ihnen Milit\u00e4rpriester Smith (David Wurawa), einerseits verkappter Kommunist, andererseits mit der bis heute ber\u00fcchtigten amerikanisch-\u00fcberzeugten Weltretter-Naivit\u00e4t ausgestattet. Zum Todlachen lustig. Es wird die Kellergemeinde sein, das \u201cMilieu\u201d, das sein Leben \u201cretten\u201d wird.<\/p>\n<p>Neumanns Text ist eine szenische Fundgrube, die Vorwegnahme eines Brechtartigen \u201cErst kommt das Fressen, dann die Moral\u201d, ein Unwohlsein bereitendes Beispiel f\u00fcr \u00dcberlebenstrieb und Durchhaltekraft und Z\u00e4higkeit. Gott gl\u00e4nzt wieder einmal durch Abwesenheit. Aber der Mensch h\u00e4lt was aus. Er ist sein eigener Wolf. Erf\u00e4hrt etwa ein \u201cFreier\u201d, der f\u00fcr Ewa Leben und Ledermantel lassen muss. Und trotz Bauchstich wieder aufsteht. Der Mensch ist ein Wiederg\u00e4nger. Und den Satz mit dem \u201caus der Geschichte nichts lernen \u2026\u201d kann man sich hier sowieso sparen. Dass Erwachsene Kinder spielen, und das unpeinlich, ist ein Verdienst von Anna Maria Krassnigg. Nicht einmal blitzt der Gedanke auf, dass da keine 13-, keine 15-J\u00e4hrigen vor einem stehen. Den Abend dominiert ein gro\u00dfartiger Daniel Frantisek Kamen als melancholischer-knallharter (welch eine Mischung!), auch sprachlich perfekter Jid. Einer, der weder sich noch andere schont. Kirsten Schwab gibt eine Ewa, die sich ihrer Sexyness durchaus bewusst ist, aber ansonsten keine Hunderterbirne hat. Jens Ole Schmieder ist ein einmal kindlicher, dann wieder messerscharfer Goy. Petra Gstrein sucht als Ate nach Verlust des \u201cF\u00fchrers\u201d immer noch (totalitaristische) F\u00fchrung \u2013 und findet sie bei den Russen. Werner Brix zeigt sich als Verwandlungsk\u00fcnstler des Abends. Er singt mit David Wurawa auch das von Christian Mair neu vertonte Wienerlied vom \u201cLieben Augustin\u201d. Alles ist hin.<\/p>\n<p>Neumann ist ein Autor, den es dringend wieder zu entdecken gilt. Anna Maria Krassnigg ist ihm schon verfallen: Ab 31. November zeigt sie im Salon5 \u201cHochstapler. Rasante Flucht nach Robert Neumann.\u201d Davor gibt es von 12. bis 14. Juni im Salon 5 den zweiten Teil von \u201cDie Kinder von Wien\u201d: die History hinter der Story sozusagen, Gespr\u00e4che mit Zeitzeugen, Kindern von Wien, Wissenschaftlern und K\u00fcnstlern.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mottingers-meinung.at\/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2\/\">http:\/\/www.mottingers-meinung.at\/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2\/<\/a><br \/>\n16.5.2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cEin albtraumhaftes M\u00e4rchen\u201d nannte Robert Neumann, aus Wien nach England und sp\u00e4ter in die USA emigrierter j\u00fcdischer Romancier und satirischer Sprachakrobat, seinen Roman \u201cDie Kinder von Wien oder Howeverstillalive\u201d im Jahr 1946. 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