{"id":494,"date":"2013-05-19T08:53:30","date_gmt":"2013-05-19T07:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/kindervonwien.at\/?p=494"},"modified":"2013-05-19T08:53:30","modified_gmt":"2013-05-19T07:53:30","slug":"european-cultural-news-die-kinder-von-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kindervonwien.at\/?p=494","title":{"rendered":"European Cultural News: Die Kinder von Wien"},"content":{"rendered":"<p><p>In der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Wien ist derzeit eine ganz besondere Theaterproduktion zu sehen. Im Rahmen der Wiener Festwochen erarbeitete Anna Maria Krassnigg nach der Romanvorlage von <a title=\"Der Schriftsteller Robert Neumann bei Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Neumann\" target=\"_blank\">Robert Neumann <\/a>das St\u00fcck \u201eDie Kinder von Wien oder howeverstillalive\u201c. In der beklemmenden Szenerie, die mehr einer M\u00fcllhalde denn einer Behausung gleicht, n\u00e4herte sich Lydia Hofmann mit ihrem B\u00fchnenbild gekonnt jener Kellerbehausung in Wien, in die es sechs Kinder am Ende des Zweiten Weltkrieges verschlagen hat. Sie kommen nicht nur aus unterschiedlichen sozialen Schichten, einer von ihnen, der \u201e13x13x13\u201c Jahre alte \u201eJid\u201c \u2013 herausragend interpretiert von Daniel Frantisek Kamen, ist sogar dem KZ entkommen. Nicht nur einem, wie man im Laufe des Abends erf\u00e4hrt. Das J\u00fcngste von ihnen liegt als Gliederpuppe noch im Kinderwagen, die \u00c4ltesten, Eva, Ate und Goy sind so um die 15 Jahre alt. Genau determiniert hat Robert Neumann das Alter nicht, vielleicht auch im Bewusstsein, dass Kinder, die um ihr \u00dcberleben zu k\u00e4mpfen haben, in ihrem gef\u00fchlten Alter nicht mit den herk\u00f6mmlichen entwicklungspsychologischen Ma\u00dfst\u00e4ben zu messen sind. Und auch Krassnigg folgt diesem Schema, indem sie keine der Rollen mit einem Kind besetzt, was sich im Laufe der Vorstellung als logische und folgerichtige Textinterpretation zeigt.<\/p>\n<p>In diesem Keller, der \u2013 so der ganze Stolz der zusammengew\u00fcrfelten Schar \u2013 immerhin mit einem \u201eZiehwasserabort\u201c ausgestattet ist, finden sie aber bei Weitem nicht den Schutz, der ihnen zustehen w\u00fcrde. Ohne Eltern oder eine Hilfe anderer Erwachsener m\u00fcssen sie sich gegen einen verr\u00fcckt-perversen Eindringling (Martin Schwanda \u00fcberzeugt nicht nur in dieser, sondern auch in der zweiten Rolle als skrupelloser Immobilienh\u00e4ndler) wehren, der auf der Suche nach seiner Frau ist. So brutal der Mann auch gegen die Kinder vorgeht, Schwanda gelingt es dennoch, den tiefen Verlustschmerz, der ihn so umklammert hat, aufzuzeigen und seinen Charakter zu einem bedauernswerten zu f\u00e4rben. In Notwehr wird er von Goy, dem etwas zur\u00fcckgebliebenen Jungen, der zwar schnell explodiert, aber auf der anderen Seite auch leicht f\u00fchrbar ist, erstochen. Jens Ole Schmieder hat keinerlei Probleme mit dieser schwierigen Rolle, in der sich Gewalt ebenso vereint wie die Sehnsucht, in der Gesellschaft einen Platz zu finden, der einen sozialen Aufstieg erm\u00f6glicht. Gemeinsam mit seinem Freund, dem altklugen \u201eJid\u201c, der ganz in seiner j\u00fcdisch-rhetorischen Tradition alles und jedes infrage stellt, der dirnenhaften Eva, die sp\u00e4ter einmal wieder Jungfrau werden m\u00f6chte und der nationaltreuen Ate, die ihre Eltern verraten hat, nicht wissend, was mit ihnen geschehen w\u00fcrde, versteckt er den vermeintlichen Leichnam notd\u00fcrftig. Ein weiteres Kind, wegen seiner Locken von allen \u201eCurls\u201c genannt, kommt nur in verteilten Rollen zu Wort und wird als Person nicht greifbar. In das grausige Geschehen, dem voran noch ein aberwitziger Dialog zweier vom Krieg gezeichneter M\u00e4nner vorangeschickt wurde, bricht eine dunkelh\u00e4utige Lichtgestalt. Reverend Smith, ein Schwarzer, der bei der US-Army als Pfarrer dient, entdeckt die Kinder und ist wild entschlossen, sie aus ihrem Elend zu befreien. Er scheitert letztendlich an seinem Vorgesetzten \u201eTrueslove\u201c, der ihn zur R\u00e4son bringen will und ihm klar zu machen versucht, dass seine Befreiungsaktion mit gef\u00e4lschten Ausreisepapieren ein kriminelles Delikt darstellt. Werner Brix, ebenfalls in einer Doppelrolle \u2013 nicht nur als gesetzestreuer aber herzloser geistlicher Vorgesetzter, sondern auch als \u201eRegenmantel\u201c, der mit Vehemenz versucht, das allgemeine Chaos nach Ende des Krieges auszunutzen, um sich Grund und Boden anzueignen, agiert in beiden F\u00e4llen erdig, stiernackig und engstirnig und verk\u00f6rpert so glaubhaft jene Typen, die einerseits wissen, wie sie gesetzliche Schlupfl\u00f6cher n\u00fctzen k\u00f6nnen und andererseits mit dem Wissen des Gesetzes auf ihrer Seite der Unmenschlichkeit T\u00fcr und Tor \u00f6ffnen. Eva, die genauso wie Ate ein Missbrauchsopfer ist, schl\u00e4gt die Avancen ihres Kompagnons, des kleinen Jids aus, um am Ende des St\u00fcckes doch nur ihn besch\u00fctzend an ihrer Seite vorzufinden. Kirstin Schwab als unerfahrenes, aber schon gebrochenes M\u00e4dchen steht \u2013 von Krassnigg gut besetzt \u2013 mit ihrer beschr\u00e4nkten Denkausstattung antipodisch zu Ate, der es gelingt, sich in ihrer \u00e4therisch-zarten Art auch im allergr\u00f6\u00dften Dreck als junge Dame zu f\u00fchlen. Ihre Teetrinkzeremonie, mit abgespreiztem kleinem Finger, bei der sie einen Tee aus roten R\u00fcbenschalen als Delikatesse empfindet und die Beschreibung ihres Dreirades, das Griffe aus Email hatte, machen deutlich, dass sie einem wesentlich besser bestallten Elternhaus entstammt als ihre Leidensgenossin, die Wasser f\u00fcr sch\u00e4dlich h\u00e4lt und sich andauernd an ihrem Bauch kratzen muss. Die Textcollage, die Krassnigg mit viel Fingerspitzengef\u00fchl aus Neumanns Text kreierte, zeichnet die einzelnen Charaktere treffsicher nach und gibt vor allem jedem von ihnen eine eigene Sprache. Erstmals wird damit Neumanns Sprachbabylon tats\u00e4chlich h\u00f6rbar. So wird gejidelt, im breitesten Wienerisch palavert, so kommt ein Berliner Idiom, \u00f6sterreichisches Theaterdeutsch und ein amerikanischer Slang zum Einsatz, was deutlich macht, wie viele unterschiedliche Sprach- und somit auch kulturell verschiedene Pr\u00e4gungen hier auf kleinstem Raum aufeinandertreffen. Neumanns St\u00fcck offenbart sich gerade darin als eine Metapher des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Herk\u00fcnfte und Anschauungen und zeigt \u00fcberdeutlich, wie verschieden Menschen in einer Situation reagieren, was sie selbst daraus machen oder aber auch wie sie von anderen beurteilt werden. Happy End gibt es keines \u2013 Ate bleibt ihrer Mustersch\u00fclerinnen Rolle treu und verr\u00e4t Goy, der Reverend quittiert zornig seinen Dienst und muss feststellen, dass es ihm, auch in der Rolle eines Pfarrers, nicht m\u00f6glich war, zu helfen und Eva und der Jid bleiben all ihrer Illusionen beraubt im Keller zur\u00fcck. Christian Mair begleitet mit seinem einf\u00fchlsamen Sound bis zum letzten Bild die kunstvolle Sprache Neumanns auf absoluter Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Es ist nicht nur die aktuelle Brisanz des St\u00fcckes, die gerade in der heutigen Zeit in Europa aufhorchen lassen m\u00fcsste, die unter die Haut geht. Abertausende von Jugendlichen in den ehemaligen kommunistischen L\u00e4ndern Europas, aber auch solche in Griechenland, Spanien oder in Italien leben auf der Stra\u00dfe. \u00d6sterreich ist hier auch nicht ausgenommen. Es ist auch die Ohnmacht, der sich Reverend Smith ausgesetzt sieht und die ihn am Helfen hindert, welche heute als zeitgeistiges Gef\u00fchl viele Menschen erfasst hat und sie abh\u00e4lt, an politischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Es sind auch die Parallelen im St\u00fcck zu jenen Mechanismen, die \u2013 wie erst in j\u00fcngster Vergangenheit in der ehemaligen DDR geschehen \u2013 vakante Machtposten jenen zufallen lassen, die darin vom Gro\u00dfteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gar nicht erw\u00fcnscht sind. Wie Jens Ole Schmieder im K\u00fcnstlerInnengespr\u00e4ch nach der Vorf\u00fchrung am 17. Mai anschaulich erkl\u00e4rte, war schon nach kurzer Zeit der Aufbruchstimmung die Hoffnung auf eine \u00c4nderung der Machtaufteilung zerschlagen und \u201ealles wieder beim Alten\u201c. Anna Maria Krassnigg ist es mit dieser Produktion auch gelungen, einen weiteren Baustein in jene Diskussion einzubringen, in der nun erstmals auf breiterer Basis den psychischen Sch\u00e4den dieser Kriegskindergeneration Beachtung geschenkt wird. Die Menschen, die den 2. Weltkrieg als Kinder erlebten und sich heute \u2013 so noch am Leben \u2013 samt und sonders in Rente oder Pension befinden, k\u00e4mpfen vor allem an ihrem Lebensende mit ihren Traumata und beginnen oft erst kurz vor ihrem Tod, sich mit diesem, ihrem psychischen Leid auseinanderzusetzen. Erst unl\u00e4ngst hat der Kabarettist Georg Schramm in seinem aktuellen Programm in Wien das Publikum davor gewarnt auf Urlaub zu fahren \u201ewenn Opa \u00fcber den Krieg zu reden beginnt\u201c denn dann sei sein Ende nicht mehr weit. Er zeigte mit dieser scharfz\u00fcngigen, auf den Punkt gebrachten Aussage sehr deutlich auf, welch langes Schweigen in den letzten sechs Jahrzehnten das Erlebte dieser Generation zugedeckt hat und jeder, der sich mit Psychologie auch nur ein wenig n\u00e4her besch\u00e4ftigt wei\u00df, dass dies auch massive Auswirkungen f\u00fcr die darauffolgenden Generationen hatte und hat. Die vermeintliche H\u00e4rte der Kinder, die von der Regisseurin aufgenommen in eine ebensolche ad\u00e4quate Bildsprache umgesetzt wurde, hat viele Narben zur\u00fcckgelassen. \u201eDie vergessene Generation\u201c wird sie mittlerweile auch genannt. Sabine Bode k\u00e4mpft in ihrem gleichnamigen Buch gegen das Vergessen und Zudecken dieses emotionalen Kahlschlages mit einigen ber\u00fchrenden Geschichten vehement an und verweist, gest\u00fctzt auf breit angelegte Untersuchungen, auch auf die Auswirkungen auf die nachfolgende Generation.<\/p>\n<p>Anna Maria Krassnigg f\u00e4llt nicht nur der Verdienst zu, auf einen h\u00f6chst unbequemen aber umso wichtigeren \u00f6sterreichischen Literaten erneut aufmerksam gemacht zu haben, der einem Gro\u00dfteil der Kulturinteressierten gar nicht bekannt ist. Schon im Winter stellte sie mit einer Lesung im <a title=\"Kritiken des Salon 5 auf European Cultural News\" href=\"http:\/\/www.european-cultural-news.com\/?s=Salon+5\" target=\"_blank\">Salon 5 <\/a>ein Buch von <a title=\"Die Wiederentdeckung Robert Neumanns\" href=\"http:\/\/www.european-cultural-news.com\/robert-neumanns\/6159\/\" target=\"_blank\">Robert Neumann <\/a>vor. Vor allem ihr Gesp\u00fcr f\u00fcr dieses brisante Thema und der Mut, es auf die B\u00fchne zu bringen zeichnen sie dabei aus. Sie hat ein Thema gew\u00e4hlt, das auf den ersten Blick weit von uns weg zu sein scheint, beim n\u00e4heren Hinschauen, Hinh\u00f6ren und Hinterfragen jedoch eine Aktualit\u00e4t erh\u00e4lt, die eigentlich entsetzlich ist.<\/p>\n<div>Von<\/p>\n<address><a title=\"Michaela Preiner\" href=\"http:\/\/www.european-cultural-news.com\/author\/michaela-preiner\/\">Michaela Preiner <\/a>\u2013 <abbr title=\"2013-05-18T19:48:03+00:00\">18. Mai 2013<\/abbr><\/address>\n<address><a href=\"http:\/\/www.european-cultural-news.com\/die-kinder-von-wien-wiener-festwochen\/7368\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.european-cultural-news.com\/die-kinder-von-wien-wiener-festwochen\/7368\/<\/a><\/address>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Wien ist derzeit eine ganz besondere Theaterproduktion zu sehen. Im Rahmen der Wiener Festwochen erarbeitete Anna Maria Krassnigg nach der Romanvorlage von Robert Neumann das St\u00fcck \u201eDie Kinder von Wien oder howeverstillalive\u201c. 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