{"id":547,"date":"2013-05-31T14:34:56","date_gmt":"2013-05-31T13:34:56","guid":{"rendered":"http:\/\/kindervonwien.at\/?p=547"},"modified":"2013-06-08T08:54:03","modified_gmt":"2013-06-08T07:54:03","slug":"orf-at-krassnigg-wie-weit-ausbeuten-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kindervonwien.at\/?p=547","title":{"rendered":"ORF.at: Krassnigg: \u201eWie weit ausbeuten lassen?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><p><strong>\u201eDie Kinder von Wien\u201c waren am Freitag zum letzten Mal bei den Festwochen zu sehen. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat mit wien.ORF.at \u00fcber die Fortsetzung, \u00fcber ein Gastspiel in Russland und \u00fcber Ausbeutung im Theaterbetrieb gesprochen.<\/strong><\/p>\n<p>Anna Maria Krassnigg, bekannt als Salon5-Chefin und Professorin am Max Reinhardt Seminar, adaptierte den Nachkriegsroman \u201eDie Kinder von Wien\u201c des j\u00fcdischen Wiener Emigranten Robert Neumann f\u00fcr das Theater. Das St\u00fcck brachte sie f\u00fcr die Wiener Festwochen in der fr\u00fcheren Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten zur Auff\u00fchrung. Im Interview zieht sie eine erste Bilanz und spricht von fehlenden F\u00f6rderungen, von unprofessioneller Kritik und von Theaterstars abseits von Nicholas Ofczarek &#8211; mehr dazu in <a href=\"http:\/\/orf.at\/festwochen\/stories\/2582706\/\">\u201eKinder von Wien in der Ankerbrotfabrik\u201c<\/a> (ORF.at\/festwochen).<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"\u00a9 Barbara Palffy\" alt=\"Anna Maria Krassnigg in der Expedithalle in der ehemaligen Ankerbrotfabrik\" src=\"http:\/\/wien.orf.at\/static\/images\/site\/oeka\/20130522\/krassnigg.5150707.jpg\" width=\"472\" height=\"315\" \/><\/p>\n<address>Foto: Barbara Palffy<\/address>\n<h4>Anna Maria Krassnigg in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik<\/h4>\n<\/div>\n<p><strong>wien.ORF.at: Ihre Mitarbeiter trugen keine Festwochen-, sondern Salon5-T-Shirts. Ist das als Protest zu verstehen, weil \u201eDie Kinder von Wien\u201c von den Wiener Festwochen vielleicht finanziell zu wenig unterst\u00fctzt wurden? <\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Die Festwochen waren an unserer Produktion sehr interessiert und haben uns eingeladen, eine Kooperation zu machen. Sie haben das Ticketing und die Pressearbeit \u00fcbernommen, f\u00fcr eine Beteiligung der Produktionskosten oder f\u00fcr den Publikumsdienst war kein Geld da. \u201eDie Kinder von Wien\u201c treten zwar mit anderen Produktionen, die das zehnfache oder mehr Budget haben, bei den Festwochen an, sind aber eine freie Kunstproduktion vom Salon5 und finanzieren sich aus Geldern der Stadt, des Bundes, durch den Zukunftsfonds und durch in- und ausl\u00e4ndische Partner. Loft City, der Betreiber der Expedithalle, hat uns sehr geholfen.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Warum gab es kein Geld von den Wiener Festwochen? <\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Das liegt an ihrer Einladungspolitik. Die Idee der Festwochen ist es, die Welt nach Wien zu holen. Und das ist auch gut so. Aber ich denke doch, dass die Festwochen auch eine Plattform f\u00fcr K\u00fcnstler sein sollen, die hier arbeiten und mit Stoffen und Werken arbeiten, die auch in die Welt hinaus strahlen k\u00f6nnen. \u00d6sterreich ist auf internationalen Theaterfestivals und Gastspielh\u00e4usern kaum mit Produktionen vertreten. Da k\u00f6nnte man sich nat\u00fcrlich fragen, woran das liegt. Die Festwochen k\u00f6nnten in den n\u00e4chsten Jahren eine andere Bewusstseinsrichtung einschlagen.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Sie konnten das St\u00fcck mit vielen Helfern &#8211; sogar aus ihrer Familie &#8211; dennoch umsetzen. Wo liegen die Grenzen?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Eigentlich habe ich gro\u00dfe Freude an dieser Arbeit, denn wir haben es geschafft, das zu erz\u00e4hlen, was wir erz\u00e4hlt haben wollten. Das kostete aber immens viel Kraft. Die Frage ist immer, wie weit muss man sich f\u00fcr eine Produktion ausbeuten? So ein Projekt frei zu stemmen ist selbst in unserer Gr\u00f6\u00dfenordnung ein gewaltiger Akt, den man nicht jedes Jahr machen kann.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Mit zehn Terminen waren \u201eDie Kinder von Wien\u201c eine der gr\u00f6\u00dften Produktionen der Festwochen und hatten eine sehr hohe Auslastung. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Nein, man hofft es nat\u00fcrlich immer, aber wirklich gerechnet damit haben wir nicht. Ich habe diesen Stoff ja aus einer naiven Leidenschaft heraus bearbeitet. Ich wollte einfach diese Geschichte erz\u00e4hlen. Zum einen dachte ich mir, dass diese urwienerische Geschichte zieht, zum anderen wusste ich, dass der Stoff gef\u00e4hrlich ist, denn das Buch wurde seinerzeit sehr angegriffen.<\/p>\n<p>Auch an den jetzigen Pressereaktionen haben wir zum Teil gemerkt, dass der Stoff nicht verstanden wird. In \u00d6sterreich tut man sich schwer, auf augenzwinkernde und undogmatische Art und Weise mit dem Thema der Nachkriegszeit und Vertreibung umzugehen. Die gro\u00dfe Publikumsnachfrage hat uns also einigerma\u00dfen gewundert und positiv \u00fcberrascht. Die Produktion muss sich in der Stadt schnell herumgesprochen haben.<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"\u00a9 Barbara Palffy\" alt=\"Barbara Krassnigg\" src=\"http:\/\/wien.orf.at\/static\/images\/site\/oeka\/20130522\/krassnigg.5150826.jpg\" width=\"472\" height=\"354\" \/><\/p>\n<address>Foto: Barbara Palffy<\/address>\n<h4>Anna Maria Krassnigg: \u201eIch bin ein leidenschaftliches Ensembletier\u201c<\/h4>\n<\/div>\n<p><strong>wien.ORF.at: Das St\u00fcck fand internationale Beachtung. Gibt es schon konkrete Einladungen in andere St\u00e4dte?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Das Tschechow-Theaterfestival in Moskau hat Interesse gezeigt. Wir sind momentan in dem Stadium, zu kl\u00e4ren, ob sich das St\u00fcck dort realisieren l\u00e4sst. Wir suchen beispielsweise noch nach einer geeigneten Halle, um auch dort dem Publikum ein Erlebnis wie in Wien zu bieten. Wir sind der Meinung, dass das St\u00fcck eine gro\u00dfe Halle bzw. den Atem eines solchen Raumes braucht.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Wird es auch eine \u00d6sterreich-Tournee geben?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Mit Unterst\u00fctzung des Bundes und des Zukunftsfonds werden wir auch versuchen, ein paar Auff\u00fchrungen in \u00d6sterreich zu machen. Das Problem ist auch hier die Halle. Wir sind auf der Suche nach unkonventionellen Orten und Veranstaltern, und das ist in \u00d6sterreich gar nicht so einfach. Fest steht, dass wir im Posthof Linz im Oktober ein Gastspiel haben.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Sie haben einmal gesagt, dass Sie bereits bei der Bearbeitung eines Stoffes an spezielle Schauspieler denken. Sie w\u00fcrden den Text den jeweiligen Personen auf den Mund schreiben. Wie finden Sie ihre Besetzung? <\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Ich habe Leute, mit welchen ich seit 20 Jahren immer wieder zusammenarbeite. Das sind Schauspieler, die alle auch an festen H\u00e4usern gearbeitet haben, aber derzeit frei zwischen Film und Theater entscheiden wollen. Wenn es gut geht, dann kommt einmal pro Jahr eine Produktion mit einem Teil dieses virtuellen Ensembles zustande. Es handelt sich um sehr, sehr gute Schauspieler, die mitunter gerne in Schubladen gesteckt werden. Und aus diesen will ich sie herausholen.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Auch Werner Brix, der ja haupts\u00e4chlich als Kabarettist bekannt ist, geh\u00f6rt bei \u201eDie Kinder von Wien\u201c zu ihrem Ensemble.<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Ich bin ein leidenschaftliches Ensembletier und bin stets auf der Suche nach guten Schauspielern. Den Werner Brix habe ich \u00fcber einen bekannten Musiker kennengelernt. Ich habe schnell erkannt, dass er weit mehr als Kabarett macht und ein hochbegabter Schauspieler ist. Er ist ein Original und ich habe versucht, jemanden, der seit Jahren mit eigenen Sachen unterwegs ist, in ein Ensemble einzubinden. Das hat Spa\u00df gemacht und wir werden sicher auch in Zukunft zusammenarbeiten.<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"\u00a9 Barbara Palffy\" alt=\"Werner Brix\" src=\"http:\/\/wien.orf.at\/static\/images\/site\/oeka\/20130522\/kvw_presse_13k.5150832.jpg\" width=\"472\" height=\"315\" \/><\/p>\n<address>Foto: Barbara Palffy<\/address>\n<h4>David Wurawa und Werner Brix in \u201eDie Kinder von Wien\u201c<\/h4>\n<\/div>\n<p><strong>wien.ORF.at: Sie meinten einmal, dass es in \u00d6sterreich auch andere gute Schauspieler au\u00dfer Nicholas Ofczarek gibt. Was wollten Sie damit sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Der Nicholas Ofczarek ist ein ganz besonderes Talent und ich sch\u00e4tze ihn sehr. Er wird aber meiner Meinung sein, wenn ich behaupte, dass es weit mehr Talente in \u00d6sterreich gibt. Ich suche solche Talente aus einer gewissen Neugierde heraus, weil ich es ablehne, dass man vor allem in Wien und \u00d6sterreich Leute in eine Schublade steckt und auszuzelt wie eine Zitrone. Im Filmbusiness ist das noch schlimmer als im Theater. Da wird oft rein typm\u00e4\u00dfig besetzt. Meine Schauspieler hingegen haben naturgem\u00e4\u00df Lust, die unterschiedlichsten Rollen zu spielen.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Ab 12. Juni findet ein zweiter Teil von \u201eDie Kinder von Wien\u201c im Salon5 statt. Was kann man sich darunter vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Menschen, die erlebt haben, wovon Neumann schreibt, werden wir nicht mehr lange unter uns haben. Wir laden daher beim zweiten Teil einige Zeitzeugen ein, die viel unsentimentaler auf dieses Thema zugehen und Irrt\u00fcmer ausr\u00e4umen. Wir haben G\u00e4ste aus dem Bereich der Literaturwissenschaft, K\u00fcnstler die mit dem Werk Neumanns viel anfangen k\u00f6nnen und einen Kinderpsychologen, der den Volkssturm miterlebt hat. Wir werden die Themen H\u00f6lle und Zukunft in Dialoge setzen und in einer speziellen Form an das St\u00fcck erinnern. Dann wollen wir dar\u00fcber diskutieren und auch andere Texte von Neumann beleuchten.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Wird die Produktion noch einmal in Wien zu sehen sein?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Nein, eine Wiederaufnahme w\u00fcrde zu teuer kommen. Uns besch\u00e4ftigt jedoch das Thema Nachhaltigkeit von Theaterproduktionen seit zehn Jahren. Ein autonomes Filmteam hat daher \u201eDie Kinder von Wien\u201c als Mischung zwischen St\u00fcck, Installation und Film festgehalten. Vielleicht kann das St\u00fcck in einer anderen Kunstform und anderen \u00c4sthetik nachhaltig gen\u00fctzt werden. Das ist k\u00fcnftig bei allen Produktionen dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung ein Thema.<\/p>\n<p><strong>wien.ORF.at: Welche Stoffe werden Sie in Zukunft behandeln?<\/strong><\/p>\n<p>Krassnigg: Es gibt einen sch\u00f6nen Wurmfortsatz. Wir bringen im Salon5 im Herbst die Hochstaplernovelle von Neumann. Ansonsten sind die Segel gesetzt Richtung Nestroyhof Hamakom. Wir haben 2014 bis 2018 eine Partnerschaft mit diesem urj\u00fcdischen Raum. Da wird es in den n\u00e4chsten vier Jahren Urauff\u00fchrungen geben. Und es geht auch sehr um die Verkn\u00fcpfung zwischen Film, filmischen Ausdruck und Theater.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Florian Kobler, wien.ORF.at<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wien.orf.at\/news\/stories\/2586560\/\" target=\"_blank\">http:\/\/wien.orf.at\/news\/stories\/2586560\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Kinder von Wien\u201c waren am Freitag zum letzten Mal bei den Festwochen zu sehen. 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